Bürger*innen beobachten Polizei und Justiz

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Bei Protesten in der Göttinger Innenstadt am 15. August 2026 setzte die Polizei Pfefferspray ein und verletzte dabei zwölf Einsatzkräfte und mehrere Demonstrierende. Die verkürzende Pressemitteilung der Polizei führte anschließend zu irre­führenden Headlines in den regionalen und bundesweiten Medien und suggerierte, dass die Beamt*innen durch "linke Gewalt" verletzt worden seien. Das Göttinger Tageblatt korrigierte die Aussage in einem Folge-Artikel.

Was ist passiert?

Am Nachmittag des 15. August 2026 versammelten sich rund 30 Teil­nehmer des extrem rechten, ultra­katholischen und anti­feministischen Netzwerks „Tradition, Familie, Privateigentum“ (TFP) zu einem "Öffentlichen Rosenkranz gegen Abtreibung" auf dem Göttinger Marktplatz. Laut Presse­mitteilung der Polizei handelte es sich dabei um eine "ordungsgemäß angezeigte Versammlung".

An einer spontanen Gegen­kund­gebung nahmen rund 100 Menschen teil.

Die Polizei war mit ungefähr 30 Beamt*innen des Einsatz- und Streifendienstes (ESD) vor Ort.

Beim Aufbruch der TFP-Teilnehmer kam es im Papendiek in der Göttinger Innenstadt zu einem massiven Pfefferspray­einsatz, bei dem eine Demonstrantin so schwer verletzt wurde, dass ein Rettungs­wagen gerufen werden musste. Zwölf Beamt*innen des ESD wurden ebenfalls durch das Pfefferspray ihrer Kollegen verletzt.

Unsere bisherige Einordnung

Als Bürgerrechtsorganisation "Bürger*innen beobachten Polizei und Justiz" haben wir Bild- und Videomaterial sowie Berichte von Demonstrierenden, Journalist*innen und einer parlamentarischen Beobachterin analysiert und müssen die polizeiliche und mediale Darstellung korrigieren.

 

Pfefferspray als Einsatzmittel der Göttinger Polizei?

Fotos des Journalisten Nico Kuhn belegen, dass Beamte bereits während der Versammlung auf dem Markplatz Pfefferspray­dosen "griffbereit" in der Hand hielten (siehe hier und hier).

Bei Pfefferspay handelt es sich um eine sehr schmerzhafte und hoch­riskante Waffe, die insbesondere bei Vorerkrankungen sowie in Verbindung mit Drogen oder Psychopharmaka schwerwiegende und im schlimmsten Fall tödliche Folgen haben kann. Ausführliche Informationen sind in unserem Themenschwerpunkt Pfefferspray zu finden.

In Göttingen wurde Pfefferspray seit 2016 im Kontext von Versammlungen (fast) nicht mehr eingesetzt. Damals war die niedersächsische SPD-Landtags­abgeordnete Gabriele Andretta bei einer Demonstration von Pfefferspray getroffen worden.

Wir wiederholen an dieser Stelle unsere mehr als zehn Jahre alte Forderung nach einer starken Beschränkung von Pfefferspray als Waffe, die nur eingesetzt werden darf, wenn:

  • weniger gewalttätige Mittel versagt haben oder sicher aussichtslos wären,
  • wenn die Gefahrenlage tatsächlich erkennbar so hoch ist, dass Pfefferspray dazu dient, den Schusswaffengebrauch zu vermeiden,
  • die Beeinträchtigung von kranken, eingeschränkten, sehr jungen, kleinen oder unter Medikamenteneinfluss stehenden Personen ausgeschlossen werden kann,
  • wenn tatsächlich ausgeschlossen werden kann, dass unbeteiligte Dritte ebenfalls getroffen werden und
  • der Einsatz des Pfeffersprays als Mittel mit erheblicher Gewalteinwirkung dokumentiert und damit der gerichtlichen Prüfung im Nachgang unterworfen wird.

"Linke Gewalt"?

In der Presse­mitteilung der Polizei ist zu lesen, dass Personen versucht hätten, "eine Polizeikette zu durchbrechen". Dabei sei es zu "erheblichem Druck" und "Gewalt" gekommen. Anhand des uns be­kannten Materials können wir diese Darstellung nicht nachvollziehen. 

Auf Video­material ist zu sehen, dass Einsatzkräfte versuchten, die zügig gehenden Teilnehmer*innen zu verlangsamen bzw. zu stoppen und ihnen ein Transparent zu entreißen. Eine stringente Strategie der Polizei wurde selbst nach eingehender Analyse der Bilder und Videos nicht klar und war auch für Protestierende uneindeutig.

Seitens der Polizei kam es zu aggressivem Anschreien und Schlägen u.a. auf Kopfhöhe und zu gezielten Stößen. Auch gegenseitiges Anschreien sowie Beschwichti­gungs­gesten sind zu sehen.

Wir konnten keine einzige Situation identifizieren, bei der es von Demonstrierenden zu mehr als einem körperlichen Kontakt durch eine schützende Abwehrbewegung vor erwarteten Schlägen oder durch die Vorwärtsbewegung kam.

Verhältnismäßigkeit des Pfefferspray­einsatzes?

Es kam zu einem mehrmaligen Pfeffer­sprayeinsatz, wobei der heftigste Strahl zu einem Zeitpunkt versprüht wurde als die Gegen­demonstration bereits zum Stehen gekommen war und mehrere Personen am Boden knieten und hinter einem Transparent Schutz suchten. 

Das Pfefferspray wurde also in einem Moment eingesetzt, in dem das Ziel des Aufstoppens bereits erreicht war und sich die Teilnehmer des TFP bereits etliche Meter entfernt hatten. Pfefferspray gezielt gegen passive, am Boden knieende Menschen einzusetzen, entbehrt jeder Grundlage. Zudem stellt sich die Frage, ob Pfefferspray in dieser Situation überhaupt das mildeste Mittel hätte sein können. Die hohe Anzahl verletzter Polizist*innen zeigt außerdem eindrücklich die Unkontrollier­barkeit von Pfefferspray.

 

Appell an die Medien

Wie bereits bei den Protesten gegen den Stand der AfD im Juli 2026 übernahmen die Medien völlig unkritisch die Pressemitteilung der Polizei und verzerrten sie sogar durch reißerische Headlines. Dass die zwölf Polizist*innen durch das eigene Pfefferspray verletzt worden waren, konnte man teilweise nur erahnen. Im Kurzbericht des Göttinger Stadtradios wurde die Information komplett ausgelassen.

Wir wünschen uns von den Medien einen verantwortungs­vollen Umgang mit Presse­meldungen der Polizei, insbesondere ein Bewusstsein, dass die Polizei bei Auseinandersetzungen Partei ist und nicht unparteiischer Beobachter. Siehe dazu auch eine Stellungnahme des Deutschen Journalistenverbandes aus dem Jahr 2019.

Insbesondere in Zeiten des Rechtsrucks ist eine demokratische Zivil­gesellschaft besonders angewiesen auf guten Journalismus jenseits von Vereinfachung und Emotionali­sierung. Denn rechte Kräfte sind der politischen Mitte und linken Bewegungen noch immer weit voraus, das Internet, Soziale Medien und deren Reichweite zu nutzen und nehmen Verkürzung in ihrem Sinne für ihre menschen­verachtenden Narrative und ihre Hetze gegenüber antifaschistischen, feministischen und auch demokratischen Anteilen der Gesellschaft dankend auf.

Ein zeitgemäßer, demokratischer Journalismus muss dies bei der Bericht­erstattung zwingend miteinbeziehen und ihre Werkzeuge und Methoden dahingehend stärken.

Dazu gehört eine generelle Quellen­vielfalt aller seriösen Akteure. Insbesondere in Göttingen aber auch anderswo gehören parlamentarische Beobachtende und institutionalisierte Polizei­beobachtende inzwischen dazu. Sie scheinen nicht nur immer notwendiger zu werden, sie sind auch für Journalist*innen jederzeit ansprechbar.

 

Fotos, Pressemitteilung und Presse

Fotoserie Nico Kuhn auf Flickr
www.flickr.com

Pressemeldung der Polizei, 15.08.2026
POL-GÖ: (246/2026) Nach friedlichem Versammlungsverlauf in Göttinger Innenstadt: Situation eskaliert beim Abmarsch - Polizei verhindert Aufeinandertreffen. Mehrere Verletzte

Göttinger Tageblatt, 16.08.2026
Gegenprotest aus der linken Szene. Kundgebung von Abtreibungsgegnern in Göttingen eskaliert: Zwölf Polizisten verletzt(kostenpflichtig)

HNA, 16.08.2026
Protest gegen Abtreibungsgegner in Göttingen eskaliert: Zwölf Polizisten verletzt

Stadtradio Göttingen, 16.08.2026
In Göttingen: Polizeibeamte bei Protest gegen abtreibungskritische Versammlung verletzt

Göttinger Tageblatt, 17.08.2026
Protest gegen Abtreibungsgegner in Göttingen: Alle zwölf Polizisten durch eigenes Pfefferspray verletzt (kostenpflichtig)

HNA, 22.08.2026
Eskalation bei Protest in Göttingen: Kritik am Einsatz der Polizei

 

Wer wir sind

Als Bürgerrechtsorganisation "Bürger*innen beobachten Polizei und Justiz" beobachten und dokumentieren wir Polizeihandeln mit Blick auf das Versammlungsrecht.
Weitere Informationen sind hier zu finden.

 

Letzte Überarbeitung des Beitrags
23.08.2026